Afghanistan
J. Müller September 2007 |
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Kurze Geschichte Afghanistans
Afghanistan wurde als Staat 1747 vom paschtunischen Osten aus gegründet (Grafik 1). Die Briten marschierten wegen ihres Wettbewerbs mit Russland um Zentralasien 1836 ein. Ein Zwischenergebnis steht nachzulesen 1858 bei Theodor Fontane: „ausgezogen mit 13.000 Mann, einer kam zurück aus Afghanistan.“ 1919 wurde Afghanistan unabhängig1 und war bis 1979, dem Einmarsch der Sowjettruppen in Folge amerikanisch gesteuerter Provokationen2, ein friedliches Land. Mit anderen Worten: der Bürgerkrieg zwischen den einzelnen, meist mit Ethnien identischen Kriegsparteien wird seit fast 30 Jahren von außen geschürt.
Die Ethnien in Afghanistan reichen bis in die Nachbarländer hinein, (vgl. Afghanistan + Belutschistan + Ideologie) so dass der Gedanke, Kriege von Afghanistan aus in die Nachbarstaaten hineinzutragen, durchaus nahe liegen dürfte.
Hinzu kommt, dass eine der beiden großen „Süßwasserleitungen“ Zentralasiens und besonders Turkmenistans, der Fluss Amudarja, an der Nordgrenze Afghanistans entspringt.
Derzeit befinden sich in Afghanistan ca. 23.000 Soldaten aus den USA (160.000 im Irak), 8.000 aus Kanada und Großbritannien, 12.000 aus der EU (ohne GB) und 2.000 aus anderen Ländern, dazu eine afghanische Armee von ca. 50.000 und Polizei von 60.000 Mann. Das Verhältnis dieser Kräfte zu Partisanen, mehrheitlich paschtunische Taliban, kann man etwa zu 10:1 schätzen3.
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Grafik 1: Die Ethnien Afghanistans (Montage aus: www.lib.utexas.edu: Afghanistan: Ethnoliguistic Groups from Map No. 504958, 1982, und geografischer Reliefkarte) |
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Grafik 2: Zentralasien (aus: www.eia.doe.gov/emeu/cabs/caspian2.html |
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Strategische Bedeutung Afghanistans
Auf die Frage nach der „strategischen Bedeutung“ Afghanistans, so erhält man vierAntworten:
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Afghanistan + Geografie
Afghanistan ist ein Gebirgsland, das nicht nur über sondern auch in der Mitte eines Gebiets von Öl- und Gaslagerstätten wie Zentralasien und dem Iran, und damit auch dem Netz herausführender Pipielines (Grafik 3) thront. Hinzu kommt die zentrale Lage zwischen den potenziellen Weltmächten Russland und China. Das Wasser Zentralasiens kommt aus den Flüssen Syrdarja (aus Kirgistan) und Amudarja (aus dem Norden von Afghanistan). |
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Grafik 3: Die Pipelines um das Kaspische Meer, man erkennt die inzwischen fertiggestellte Pipeline nach Ceyhan (Tuerkei), (aus: CIA, veröffentlicht in www.lib.utexas.edu) |
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USA + Geografie
Wenn man für die USA voraussetzt, dass sie immer noch den Ideen von Z. Brzeszinski folgen5, dann ist ihre Motivation für die Invasion Afghanistans, als Supermacht auf der eurasischen Landmasse Fuß zu fassen, wo ihnen bisher eine stabile Basis in Form eines echten Vasallenstaates, idealerweise mit einem zuverlässigen Herrscher, fehlt.
Da bietet sich Afghanistan mit seiner zentralen Lage natürlich an. Das zeigt ganz deutlich die nebenstehende Karte: von Kabul aus ist mit Cruise Missle tragenden B-52, dem Rückgrat der US-Bomberflotte, innerhalb kurzer Zeit und Reichweite (4000 km, der Hälfte der maximalen Reichweite, entsprechend 5h Flugzeit), die gesamte Energieversorgung Russlands, der Europäischen Union und Chinas zerstörbar. Diversifizieren China und Europa (auch deshalb) ihre Energieversorgung nach Afrika?
Nimmt man weiterhin die Luftwaffenbasen auf Oki-nawa (rechts von Kabul) und bei Oxford (links von Kabul) hinzu, lassen sich auch die industriellen Zentren Chinas, Russlands und Europas bedrohen. Kabul liegt ideal in der Mitte zwischen Oxford und Okinawa. Das Problem der USA war bisher: eine Basis bei Kabul gab es bisher noch nicht. Deshalb musste irgendein Grund für eine Invasion in Afghanistan her.
Die derzeitige Militärpräsenz der USA auf dem Boden in den wichtigen Pipelineregionen ist
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Grafik 4: Aktionsradien von B-52-Bombern/Waffenträgern um Oxford, Kabul und Okinawa (eigene Grafik des Autors) |
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Grafik 5: US-Militärbasen (aus: www.nobases.org, dort nicht mehr auffindbar) |
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USA + Energieressourcen
Selbstverständlich sind auch US-Energiefirmen im kaspischen Raum vertreten. Allen voran Chevron in Kasachstan. Chevron ist neben ExxonMobile einer der beiden großen US-Ölkonzerne, beide letzten Endes hervorgegangen aus der Standard Oil des John D. Rockefeller. Bei Chevron saß die ausgewiesene Russlandspezialistin, vormalige Sicherheitsberaterin zweier Bushregierungen und heutige Außenministerin der USA, C. Rice, einige Jahre im Vorstand.
Die USA selbst beziehen ihr Öl inzwischen im Wesentlichen aus Amerika und Westafrika, in Eurasien ist die Fähigkeit zum Drohen und Zerstören ausreichend. Ihr Engagement dient also im Wesentlichen der Kontrolle über den Ölhahn und dem Schutz der Dollarherrrschaft, d.h. der Ölbindung des Dollars7.
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Zentralasien + Energieressourcen
Das bekannteste Ölfeld Zentralsasiens liegt im Südwesten des Kaspischen Meeres bei Baku in Aserbeidschan (vgl. Europa + Energieressourrcen).
Die zentralasiatischen Nachbarstaaten Afghanistans werden in Veröffentlichungen oft als Boomregion der Zukunft gepriesen. Bei näherer Betrachtung der Ölreserven des kaspischen Beckens (Grafik 6: Kasachstan [8]) stellt man fest, dass es nur 4% der weltweiten Reserven enthält. Gerüchten zu Folge immerhin genug, um von traditionellen Ölförderländern in Nahost im heraufziehenden Zeitalter der Verknappung als Konkurrenz betrachtet zu werden.
Die Gasreserven Turkmenistans, Usbekistans und Kasachstans rangieren zwar nur auf den Plätzen [16], [17] und [18] (Grafik 7). Aber Turkmenistan ist derzeit das drittgrößte Gasförderland der Welt. Mit anderen Worten: auf dieses Gas kann man sofort zugreifen, d.h. aus der Sicht der Energiefirmen: ohne große Investitionen und ohne Risiko sofort Gewinn machen. Unangenehm ist ihnen nur, dass das Pipe-linenetz vorwiegend nach Russland ausgerichtet ist.
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Grafik 6: Ölvorräte weltweit: (1) Saudi-Arabien 267, (3) Iran 132, (4) Irak 115, (8) Kasachsten 20, (20) Aserbeidschan 7 (aus: http://lugar.senate.gov/ graphics/energy/graphs/Worldwide_Oil_Reserves.gif) |
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Grafik 7: Nachgewiesene Gasreserven: (16) Turkmenistan, (17) Usbekistan, (18) Kaschstan (aus: http://www.livinglandscapes.bc.ca/thomp-ok/env-changes/images/proved_gas_2002.jpg) |
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Zentralasien + Ideologie
In Zentralasien finden sich verschiedene Richtungen des Islam. Besonders beachtenswert ist das erst in den letzten Jahren verbreitete „Wahhabitentum“: diesem hing ursprünglich nur das saudi-arabische Königshaus an, aber es fasste im Gefolge der verschiedenen Kriege in Afghanistan in Zentralasien und im paschtunischen Westpakistan Fuss8. Man kann davon ausgehen, dass überall dort, wo wahhabitische Mosche-en und Koranschulen bestehen, Agenten aus Saudi-Arabien wie z.B. „Al-Quaida“ zugegen sind. Al-Quaida nahm seinen Ursprung als Söldnertruppe aus Saudi-Arabien im Auftrag der USA, finanziert über den pakistanischen Geheimdienst.
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China + Energieressourcen
China bezog 2005 etwa 1/3 des verbrauchten Erdöls aus dem Osten des eigenen Landes, konkret der Provinz Xinjiang. Die anderen 2/3 wurden bisher auf dem Seeweg aus dem Mittleren/Nahen Osten importiert. Daher ist es verständlich, wenn sich China zur Deckung seines zunehmenden Energieverbrauchs neben Afrika auch nach Zentralasien orientiert: der Bezug aus bzw. über Kasachstan (aus russischen Feldern) soll in der allernächsten Zukunft ausgebaut werden, vor allem durch die gestrichelt dargestellte Pipeline in Grafik 3 (ab der Nordostecke des Kaspischen Meeres, Mitte 2006 fertiggestellt).
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China + Geografie
Straßen, Bahnen und Pipelines von Ruassland und Kasachstan nach China verlaufen über Urumqi, die Hauptstadt der Provinz Xinjiang. Die erste Stadt in China auf dem nördlichen Ast der von Europa bzw. der Türkei her kommenden „Seidenstraße“ ist Kashgar, ebenfalls in der Proinvz Xinjiang. Der Anschluss Chinas nach Südosten besteht über Pakistan an den Indischen Ozean mit dem „Karakorum-Highway“. Die Straße zweigt bereits in Urumqi von der Ost-West-Achse Moskau-Almaty-Peking nach Südwesten ab, nennt sich ab Kashgar „Karakorum-Highway“, verläuft durch die Provinz Xinjiang an der Provinz Tibet vorbei über das Karakorumgebirge nach Pakistan. Im nordpakistanischen Islamabad (Grafik 9) gibt es einen Abzweig nach Kabul in Afghanistan, der eigentliche Highway verläuft zwar westlich um die pakistanische Paschtunenprovinz herum, führt aber am Ende durch das pakistanische Belutschistan zum Hafen Gwadar am Indischen Ozean, genauer: an der Straße von Hormuz9 (vgl. Iran + Energieressourcen).
Der Ausbau des Hafens Gwadar im paktistanisschen Belutschistan (Grafik 9) als Tiefseehafen wird zu 80% von China finanziert, der Hafen wird seit 2007 von den Singapurer Hafenbetrieben (SPA) betrieben10.
Es ist zu vermuten, dass der Karakorum-Highway nicht nur eine Straßenverbindung bleiben, sondern nach dem Muster der europäischen TEN-Trassen auch um Bahnlinie, Pipelines und Datenleitungen ergänzt werden soll.
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Grafik 8: Der Karakorum-Highway (aus: http://en.wikipedia.org/wiki/ Karakoram_Highway) |
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Grafik 9: Schnellstrassen in Pakistan (aus: http://www. views. pk/wp-content/uploads/2007/04/pakistan-motorways-map.jpg) |
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China + Ideologie
Die oben als Zugang zu China von Westen her beschriebene Provinz Xinjiang ist moslemisch besiedelt, und zwar vom Turkvolk der Uiguren. Bereits seit langer Zeit werden in dieser Provinz systematisch Chinesen angesiedelt (s. a. Amnesty International-Berichte11).
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Pakistan + Belutschistan + Ideologie12
Der Westen Pakistans ist wie der Osten Afghanistans von Paschtunen besiedelt (linker oberer markierter Bereich in Grafik 10), der Südwesten Pakistans ebenso wie der Südosten Afghanistans und der Osten von Belutschen (linker unterer markierter Bereich in Grafik 10). Die von den Briten um 1900 künstlich mit dem Lineal gezogenen Staatsgrenzen haben die ethnischen Zusammengehörigkeiten nicht auslöschen können, sollten es viellicht auch gar nicht. Nicht erst seit neuerer Zeit gibt es in Belutschistan eine bewaffnete Unabhängigkeitsbewegung gegen Pakistan, die sich u.a. auf die schlechte Vergütung für das im pakistanischen Belutschistan gefundene Öl und Gas durch die Zentralregierung an die Provinz beruft13. Gelegentlich wird Indien vorgeworfen, dass es die belutschische Unabhängigkeitsbewegung gegen Pakistan unterstützt.
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Grafik 10: Ethnien um Belutschistan (Quelle: http://www.lib.utexas.edu/maps/middle_east_and_asia/pakistan_ethnic_80.jpg |
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Iran + Energieressourcen
Der Iran ist nicht nur Nachbar von Pakistan und Afghanistan, er ist wie oben beschrieben Anliegerstaat des Kaspischen Meeres und damit auch Nachbar Russlands, wichtiger Erdöllieferant Chinas, das Land mit den drittgrößten Erdölvorkommen (Grafik 6) und das Land mit den zweitgrößten Erdgasvorkommen der Erde (Grafik 7). Er beherrscht auf der anderen Seite auch die Straße von Hormuz, durch die ca. 2/3 aller Weltöltransporte, u a. aus dem Land mit den größten Ölvorräten der Welt (Saudi-Arabien), gehen. Ihn wollen die USA vermutlich von Afghanistan und Irak aus in die Zange nehmen, vielleicht mit einem dauernden Kleinkrieg beschäftigen. Es fragt sich, wie glücklich darüber die Europäer sind, die ihn ja via Nabucco-Pipeline zu einem der Hauptgaslieferanten machen wollen.
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Grafik 11: Verlauf der Nabucco-Pipeline: alte Planung oben, neue Planung unten (aus: http://www.nabucco-pipeline.com/ pro-ject/ project-description-pipeline-route/index.html) |
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Türkei + Geografie
Die Türkei ist NATO-Staat. Sie stellte 1959 das erste Beitrittsgesuch zur EU und ist seit 1963 assoziiert. 1999 wurde sie offizieller Beitrittskandidat, Ende 2004 fiel die Entscheidung über die Aufnahme der Beitrittsverhandlungen, die Ende 2005 begannen und sich gut und gerne noch 10 Jahre hinziehen können14. Die Türkei ist nicht nur das Lineal, an dem Traceca (siehe Europa + Geografie) entlang gezogen ist. Sie ist auch Durchgangsland für zahlreiche Pipelines: die geplante Nabucco in Ost-West-Richtung (Teil des TEN-Trassennetzes), die Blue Stream-Fortsetzung (Grafik 12) in Nord-Süd-Richtung, die Ölpipeline aus Baku über Georgien nach Ceyhan am Mittelmeer (Grafik 3).
Die Türkei hat jeweils die Wahl, ob sie Pipelines aus dem Iran oder Russland einerseits und nach dem Mittelmeer (und damit für viele Staaten offen) oder direkt in die Europäische Union andererseits bevorzugt. Sie kann ihre Rolle als reines Transitland sehen oder sie kann versuchen, als Zwischenhändler zu agieren. Wie auch immer diese Wahl zu einem beliebigen Zeitpunkt ausfällt: irgend ein Nachbarstaat wird immer unzufrieden sein15.
Durch die Kurdenpolitik gibt es einen gewissen Einfluss auf die Stimmung der irakischen und iranischen Kurden in diesen Ländern.
Die Türkei ist wichtiger Wasserlieferant, Wirtschafts- und Militärpartner Israels: Staudammbau, landwirtschaftliche Investitionen am Ostrand des Mittelmeers, Trainingsgebiet für israelische Militärpiloten. Israel wiederum ist konkurrierende Regionalmacht zum Iran, füher auch Irak.
Nicht vergessen werden dürfen die ethnisch-historischen Beziehungen zwischen der Türkei und verschiedenen Võlkern Zentralasiens und Chinas.
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Grafik 12: Blue Stream in der Türkei (Ausschnitt aus: http://en.wikipedia.org/ wiki /Blue_Stream) |
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Europa + Energieressourcen
Das in Europa verbrauchte Erdgas kam zunächst aus Holland und Norwegen. Leider wird dieses Gas und Öl knapp (Grafik 16), Erst 2006 hat russisches Gas deshalb einen Anteil von 1/3 erreicht. Es kommt derzeit über eine Pipeline durch Polen, die Ostseepipeline ist geplant. Will Westeuropa nach dem Ende der eigenen Vorräte nicht von Russland als Monopolanbieter abhängig werden (sie es über die Ostsee, sei es via Blue Stream), müssen Alternativen her.
Die eine Alternative ist die oben beschriebene Nabucco-Pipeline zur Gasversorgung Europas über Südosteuropa und die Türkei aus dem Iran (Grafik 7: [2]) mit dem Hintergedanken der Weiterführung in die gasreichen Länder des Mittleren Ostens: Qatar (Grafik 7: [3]) Saudi-Arabien, (Grafik 7: [4]) oder die Vereinigten Arabischen Emirate (Grafik 7: [5]).
Die andere Alternative geht in Richtung des bereits genannten Baku und endet bei Afghanistan. Sowohl Baku als auch die auf dem Weg dort hin liegenden Ölfelder in Tschetschenien auf der Nordseite des Kaukasus waren 1942 das Ziel deutscher Abenteuer, nachdem das Öl aus Rumänien knapp wurde16. Diese Stoßrichtung scheint heute wieder aktuell zu sein, heute jedoch in europäischem Rahmen, wenn auch unter deutscher Federführung: siehe das Traceca-Projekt im folgenden Abschnitt "Europa + Geografie".
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Grafik 13: Peak Oil der norwegischen Fördergebiete (aus: http://www.treehugger.com/files/2006/01/norwegian_peak.php) |
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Europa + Geografie
Durch die Südosterweiterung um Rumänien und Bulgarien, welche nach erstaunlich kurzen Verhandlungen zum 1. 1. 2007 realisiert wurde, wird nicht nur eine Bastion mit dem Kosovo als Vorposten aufgebaut. Bulgarien könnte zum neuen Knotenpunkt in der Energieversorgung werden, da sich dort verschiedene Pipelines kreuzen sollen.
Im Kosovo stehen rund 16.000 Mann Kfor plus schätzungsweise ebenso viele Zivilangestellte von EU- und EU-beauftragen Organisationen17.
Haarscharf am Rand der Türkei, d.h. sowohl Ausbau der Straßenverbindung durch die nördliche Türkei als auch Ausbau der Seeverbindungen Bulgarien-Georgien (Grafik 14) versucht man sich in die ehemaligen Sowjetstaaten, die sogenannten „Neuen Unabhängigen Staaten“ (engl. Abk: NIS) einzuschleichen: 1993 wurde ein Projekt mit der poetischen Bezeichnung „Neue Seidenstraße“, bürokratischer Name „Traceca“, was „Transport Corridor Europe Caucasus Asia“ bedeutet, aus der Taufe gehoben. Es handelt sich vordergründig um ein Verkehrsinfrastrukturprojekt, das von Kerneuropa aus über das eilig eingegliederte Südosteuropa (Rumänien, Bulgarien), an der Rückseite der Türkei durch den Kaukasus hin zum Kaspischen Meer und darüber hinaus direkt nördlich von Afghanistan durch Kirgistan und Tadschikistan bis an die chinesische Grenze verläuft.
Das Projekt umfasst nicht nur die genannten Verkehrswege, dazu gehören auch die gesamte Verwaltungsinfrastruktur und Begleitmaßnahmen wie Häfen, Datenautobahnen, Ausbildungsprogramme usw. Das wird von diesen Staaten im Übrigen nicht ungerne gesehen. Turkmenistan hat z.B. angeblich Probleme mit der Bezahlung seiner Gasrechnungen durch Russland und die Ukraine und würde sicher lieber heute als morgen an den finanzstarken Westen verkaufen.
Inbegriffen sind wie aus Grafik 14 ersichtlich auch Eisenbahnstrecken in Kasachstan, die sich mit den wichtigsten internationalen Anschlussstrecken der russischen Eisenbahnen decken (Grafik 5), obwohl die technischen Standards keineswegs in allen Punkten übereinstimmen.
Von Westeuropa aus schließen die Tracecastrecken an das europäische Trassennetz TEN an, sind aber nicht Bestandteil desselben. Andererseits ist Traceca Bestandteil des Programms „Tacis“, das als „Programm der rechnischen Hilfe“ speziell für diejenigen Staaten konzipiert wurde, die sich Anfang/Mitte der 90er von der damaligen Sowjetunion gelöst haben (NIS).
Nach Afghanistan fliegt Europa im Gefolge der USA in etwa gleicher Truppenstärke (vgl. Kurze Geschichte Afghanistans). Das bringt die Bundeswehr alleine an den Rand der finanziellen Erschöpfung. Auch deshalb stehen in der EU noch Battlegroups bereit, die zusätzlich aus dem EU-Haushalt finanziert werden.
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Grafik 14: Das Traceca-Projekt (aus:www.traceca-org.org) |
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Russland + Geografie
Russland hat noch aus Sowjetzeiten herrührende Beziehungen zu bestimmten Kreisen in den Neuen Unabhängigen Staaten Zentralasiens und führt zum Teil auch noch die Bewachung von deren Grenzen durch. Andererseits stehen diese Staaten nach etlichen Jahrzehnten „Russenherrschaft“ diesem Nachbarn vielfach ambivalent gegenüber.
Traditionell hat Russland auch gute Beziehungen zu Serbien, zu dem das Kosovo ja immer noch gehört.
Zugleich mit „Traceca“ begann Russland ein eigenes Autobahnnetz, z.T. auch parallel dazu auszubauen18.
Mit der Eisenbahn ist Zentralasien über Transsibzweige an das russische Netz angeschlossen19, in Kasachstan greifen Transsib und Traceca-Strecken (wie oben bereits angedeutet) ineinander.
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Grafik 15: Netz und wichtige Anschlussstrecken der russischen Eisenbahn (aus: http://www.eng.rzd.ru/) |
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Russland + Energieressourcen
Die russische Gazprom ist zweifellos der Monopollieferant aus dem Land mit den größten Gasreserven. Der Iran, das Land mit den zweitgrößten Reserven, kann jedoch z.B. durch die oben beschriebene Nabucco-Pipeline zum Konkurrenten Russlands werden. Heute hält Westeuropas größter Gasversorger, die e.on, einen Anteil von 6,4% an der Gazprom. In der Zukunft soll Gazprom für weitere Beteiligung geöffnet werden, mindestens 50% sollen aber weiterhin der russische Staat halten. Umgekehrt streckt Gazprom seine Fühler nach Westen aus, z.B. durch „Gazprom Germania“, die ganz offensichtlich diejenigen deutschen Verteilerfirmen und Versorger aufkaufen soll, die e.on und RWE im Rahmen von PPP-Projekten übrig gelassen haben20. Am Kasseler Versorger „Wingas“ ist sie zusammen mit Wintershall (BASF) bereits beteiligt.
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Europa + Russland
Insgesamt ist das Verhältnis zwischen Europa, d.h. der EU, und Russland interessant, weil.
Nicht nur weil Afghanistan ein Endpunkt der europäischen Gasinteressen ist, sondern auch weil der Iran sowohl Nachbarstaat Afghanistans als auch als Anrainerstaat des Kaspischen Meeres Nachbar von Russland ist, hat jede Aktivität Europas in Afghanistan letzten Endes auch Einfluss auf das europäisch-russische Verhältnis. Aber auch Europa ist sich nicht immer einig: während das eine europäische Konsortium die Nabucco-Pipeline längs durch die Türkei bauen möchte, baut die italienische ENI zusammen mit einem russischen Konsortium die Blue Stream-Pipeline quer zu Nabucco21 (Grafik 16). Konkurrenz westeuropäischer Energieversorger untereinander?
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Drogen
Wie A. v. Bülow22 beschreibt und wie aus der Iran-Contra-Affäre bekannt ist, nutzen Geheimdienste die enormen Gewinne aus dem Drogenhandel für Waffengeschäfte. Umgang mit Drogen ist offensichtlich vorwiegend bei Normalbürgern, Sängern und Fußballtrainern geächtet: der bekannteste Kopf der Iran-Contra-Affäre, Oliver North, ist heute politischer Kommentator beim Murdoch-Sender „Fox“, und sein damaliger Vorgesetzter, John Poindexter, war unter dem gegenwärtigen US-Präsidenten George W. Bush Vorsitzender der Forschungsagentur des Pentagon (DARPA). A. McCoy23 betont, dass Iran-Contra nur die Spitze eines Eisbergs war. Insbesondere in Südoastasien hat die Drogenfinanzierung eine lange Tradition. Auch bei L. Napoleoni24 findet sich der Hinweis auf die Finanzierung des (französischen) Vietnamkrieges durch Verkauf von Heroin in Europa durch ein Zusammenspiel von französischem Geheimdienst und korsischer Mafia Anfang der 50er. Drogen waren aber nicht nur Mittel der Finanzierung, sie waren auch schon Kriegsgrund: England zwang China im Opiumkrieg 1840 - 1842 zum Gestatten der Opiumeinfuhr, so dass England damit Produkte aus China bezahlen konnte. Im Gefolge des Opiumkriegs machte England den Mohnanbau südlich von China populär. Konkret für Afghanistan stimmen verschiedene Quellen darin überein, dass Afghanistan vor 1979, d.h. dem Einmarsch der Sowjettruppen in Folge US-amerikanischer Provokationen1, lediglich eine nicht nennenswerte Menge für den regionalen Markt (insbesondere Iran) produzierte. Bis 2007 wurde Afghanistan dahin gebracht, dass es über 8.200 to Opium (ausreichend für ca. 1.200 to Heroin) produziert und damit 93% des Weltbedarfs an Opium und Heroin deckt25.
Gerade rechtzeitig vor 1979 waren die Mohnfelder in Mexiko, die 1975 noch 89% des nordamerikanischen Bedarfs (11% kamen aus der Region Birma) gedeckt hatten, vernichtet worden. Bereits 1982 hatte zentralasiatisches Heroin aus afghanischem Opium einen Marktanteil von 60% (1975: null) erreicht26. Die Rückwirkung auf die afghanische Gesellschaft beschreibt Dr. Rassoul, afghanischer Nationaler Sicherheitsberater, so: „From my position as National Security Advisor, I can see the wide ranging damage drugs cause [in] Afghanistan. The drug problem affects the reconstruction of the national army and DDR in that it fuels insurgent military groups; it affects the justice reform in that judges often feel powerless against coercive drug lords; and it affects the reform of the police by providing cash incentives for corruption.27 Dass in vielen Provinzen Afghanistans heute kein Mohn angebaut wird ist insofern erstaunlich, als der Bauer für das Kilo Weizen nur 0,50 Dollar, für das Kilo Opium aber bis zu 320 Dollar erhält28 (laut [29] im Schnitt 122 USD) und z.B. langfristig tragende Obstkulturen systematisch schon unter den Taliban zerstört wurden. Damit erzielen die ca. 15% der Bevölkerung, die Opium anbauen, rund das Sechsfache des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens und können so ihre Familie ernähren29. Hinzu kommen Einkommen für Saisonarbeiter. Man kann lt. McCoy annehmen, dass der innerafghanische Handel durch die „drug lords" das Vierfache des Preises ab Hof, also im Schnitt etwa 500 USD pro Kilogramm Opium erzielt. Das sind bei 8.200 to etwa 4 Mrd. Dollar pro Jahr (oder 11 Mio. Dollar pro Tag), die theroretisch alle für den Krieg gegen die Besatzungsmächte zur Verfügung stehen und somit auch den Waffen- und Munitionsherstellern sowie der Transportbranche ein sattes Geschäft bescheren. Es ist bekannt, dass die genannten „drug lords“ vielfach mit den „war lords“ und damit den Stammesführern, welche zwangsläufig auch einer Zentralregierung beteiligt sein müssen, weitgehend identisch sind. Seinen Weg nimmt das Heroin durch die Türkei bzw. Zentralasien/Russland/Osteuropa und Gebiete wie Tschetschenien und den Balkan. Wie der „American Council on Kosovo“ berichtet30, werden „Heroinküchen“ der kosovarischen UCK von US-Soldaten von Camp Bondsteel (vgl. USA + Geografie) aus protegiert. In Westeuropa oder den USA wird Heroin zu einem Straßenpreis von (im Mittel) 600 Dollar pro Gramm reines Heroin, das entspricht ca. 75.000 Dollar pro Kilogramm Opium, verkauft. Die Gewinnspanne von 2.500 % finanziert alle Mafias und Kriege auf dem Weg zu uns. All das ist nur möglich, weil durch die Verbraucherländer die Preise hochgehalten werden. Die Mittel dazu sind ein Verbot in Kombination mit dessen mangelnder Durchsetzung: wie immer wieder in der Presse nachzulesen hat es die Polizei nach eigenen Angaben niemals geschafft, mehr als 10% des Heroins abzuschöpfen. Und das seltsamerweise seit etlichen Jahrzehnten, denn Heroin wurde in Deutschland 1971 verboten31. Im Übrigen sind es am Ende auch die Soldaten, die auf diese Weise ihre Gegener finanzieren: „Die Welt“ schreibt am 22. 8. 2007: „Amerikas Kämpfer kehren als Junkies zurück“32.
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Und die Schlussfolgerung?
Um jetzt die Verbindung zwischen dieser Grundsatzbetrachtung und der viel beschworenen Hilfe für die afghanische Bevölkerung herzustellen:
Damit erübrigt sich dann der allergrößte Teil der Hilfe für Afghanistan und das Land kann wieder zum friedlichen Zustand vor 1979 zurückkehren.
Leider nur bedingt ändern werden wir mit diesen Rezepten das Streben der USA nach Weltherrschaft und den Energiehunger eines aufstrebenden China.
Sehr wohl als gewünschter Nebeneffekt eines geringeren Energieverbrauchs bzw. anderer Energien würde das Klima geschützt. Man bräuchte nicht mehr um höchstens beschränkte Mengen an Brennstoffen Krieg führen, die noch dazu im Interesse des Wirtschaftswachstums möglichst schnell zu CO2 verbrannt werden sollen. Und zwar nachdem das Klima bereits umgekippt ist. Oder mit anderen Worten: derzeit lassen wir junge Soldaten, unschuldige Zivilisten und Drogenkranke sterben, um uns allen selbst Schaden zuzufügen. Ist das intelligent? Wäre intelligente Politik nicht vielmehr Klimaschutz und Friedenspolitik in Einem? Sonne, Wind und Einsparen statt Öl, Gas und Krieg?
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Autor ist unter der Mailadresse gluk@byethost13.com zu erreichen |
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2The CIA's Intervention in Afghanistan, Interview with Zbigniew Brzezinski in: Le Nouvel Observateur, Paris, 15-21 January 1998, loc. cit. http://www.globalresearch.ca/articles/BRZ110A.html
3Wikipedia-Seite zur „Operation Enduring Freedom - Afghanistan“ (OEF-A)
4A. W. McCoy: Die CIA und das Heroin – Weltpolitik durch Drogenhandel: Zweitausendeins 2003, S. 660 ff.
5z. B. dargelegt in Zbigniew Brzezinski: A geostrategy for Eurasia, gehalten vor dem Council on Foreign Relations 1997 (dokumentiert in http:// http://www.afghanwww.comw.org/pda/fulltext/9709brzezinski.html)
8A. Rashid: Heiliger Krieg am Hindukusch - Der Kampf um Macht und Glauben in Zentralasien: Droemer 2002, S. 69
10Asia Times vom 8. 2.2007: http://www.atimes.com/atimes/South_Asia/IB08Df03.html
11http://web.amnesty.org/library/index/engasa170212004 bzw. ASA 17/021/2004
12http://video.google.de/videoplay?docid=4794607948153504860, http://en.wikipedia.org/wiki/Balochistan_(region)
13Le Monde diplomatique v. 13. 10. 2006 (http://www.monde-diplomatique.de/pm/2006/10/13.mondeText.artikel,a0046.idx,15)
14„http://www.weltpolitik.net/Sachgebiete/EuropäischeUnion/Vertiefung/Erweiterung/Dossier/Beitritt_der_Türkei/Grundlagen/Die Entwicklung der türkischen EU-Beitrittsperspektive.html“, http://www.dw-world.de/dw/article/0,2144,1746863,00.html
15Kostis Geropoulos: Iran-Turkey deal: The sum of all US-Russia fears, 20 July 2007, in: http://www.neurope.eu/view_news.php?id=76159
17 Jürgen Elsässer: Die schmutzige Kolonie der EU, in: Freitag 35 v. 2.9.2005, http://www.bundestag.de/bic/analysen/2007/Zum_Status_des_Kosovo.pdf
20http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/;art271,2102221 vom 17. 5. 2006
22Andreas von Bülow: Im Namen des Staates, Piper, 2000
23Alfred McCoy: Die CIA und das Heroin, Zweitausendeins 2003 (nach der 2. US-Auflage 2003)
24Loretta Napoleoni: Die Ökonomie des Terrors, Kunstmann 2004 (Original: London 2003), S. 46f.
25United Nations Office on Drugs and Crime: Afghanistan - 2007 Annual Opium Poppy Survey, Executive Summary, August 2007
26McCoy, a.a.O., S. 527f.
27United Nations Office on Drugs and Crime: International Counter Narcotics Conference on Afghanistan,8 9 February, 2004, S.33
28Die Weltwoche, Ausg. 31/02 (http://www.weltwoche.ch/artikel/?AssetID=2847&CategoryID=60)
29United Nations Office on Drugs and Crime: Afghanistan - 2007 Annual Opium Poppy Survey, Executive Summary, August 2007, S. 9